Massenprodukte verringern das Einkommen der Bauern
Zur Situation der Legehennen in der EU und "billigen" Geflügelprodukten
 
 
Interview der BSH-Pressesprecherin Maria Köllner am 11. Februar 2003 mit Prof. Dr. Remmer Akkermann, Präsident des NATURSCHUTZFORUMS DEUTSCHLAND (NAFOR) und Vorsitzender der BIOLOGISCHEN SCHUTZGEMEINSCHAFT HUNTE WESER-EMS (BSH)
 
 
Herr Akkermann, warum setzen Sie sich gegen Legehennenbatterien ein?
  Es ist menschenunwürdig, wenn lebende Tiere aus wirtschaftlichen Gründen bis zum Ende ihres Lebens gequält werden.
 
Was bedeutet das: Ein Leben in einer Legebatterie?
  Legehennen müssen Schwerstarbeit auf engstem Raum leisten, nur damit die Eier etwas weniger kosten.
 
Ist es eine Qual, ein Leid für die Hühner?
  Was ein Huhn auf und hinter Gittern erleidet, ist schlimmer als in verwahrlosten Gefängnissen - deren Insassen haben wenigstens noch Bewegungsspielraum. Nur im Mittelalter wurden Schwerverbrecher ähnlich im engsten Käfig eingepfercht. In der Agrarindustrie wird das seit Jahrzehnten tagtäglich an Millionen bewegungsbedürftiger schmerzempfindlicher Wirbeltiere verübt. Sie sitzen zu viert neben- und übereinander. Trotz Hackordnung kann keine Henne der anderen ausweichen, es kommt zu Aggressionen, Federpicken, Schlafstörungen und Dauerängsten bis zum Tod. Auch gestresste oder geschockte Hennen legen unvermindert weiter Eier, die geschmacklich von denen freilaufender Hühner nicht zu unterscheiden sind.
 
Jetzt gibt es neue gesetzliche Vorgaben. Was sind die Folgen?
  Sie meinen die Legehennen-Verordnung der Bundesregierung. Ja, das sind wichtige Schritte, die der Bundesgesetzgeber, also Frau Künast und das Verbraucherministerium auf den Weg gebracht haben.
 
Wird jetzt schon abgerüstet?
  Nein, aber der weitere Bau von Hunderten beantragter Ställe ist, wenn nicht gestoppt, so doch hoffentlich erschwert. Seit Jahrzehnten haben die bisherigen Landwirtschaftsminister auf diesem Gebiet nichts Bemerkenswertes getan: nahezu alles, was Landwirte zur Steigerung der Produktivität taten, war privilegiert. Nun endlich kommt zugunsten der Hennen und dann wohl auch Schweine Bewegung in die Sache. Als Vertreter des Naturschutzes begrüße ich diesen mutigen Schritt von Frau Künast uneingeschränkt.
 
Wer hat Interesse an Battereien für Legehennen?
  Eier sind, sofern sie nicht von Biohöfen stammen, Massenware. Da wird der Preis nach zehntel Pfennigen kalkuliert. Kleine Bauernhöfe haben diese ihre Domäne deshalb schon lange aufgegeben, weil sie nicht mehr mithalten können. Heute geht's nach der Devise: je mehr Tiere in einem Stall, umso besser ist es für den kostengünstigen Absatz. Und da wetteifern die Großbetriebe miteinander. Die Zulieferer bauen die Einrichtung, Wasser- und Bodenverbände haben alles entwässert, Politiker haben das meiste bisher rechtlich abgesichert - und das sind außerhalb der Städte vielfach auch Bauern. Mit herkömmlicher Landwirtschaft hat das nichts mehr zu tun.
 
Geht es nur um Geld und Reibach?
  Wenn es nur darum ginge, einen zu anderen Berufen vergleichbaren Verdienst zu erwirtschaften, könnte niemand etwas dagegen sagen. Hier werden jedoch Millionen von wenigen verdient, die dafür aber nahezu einen großen Teil der bewirtschafteten Landschaft für ihre Interessen beanspruchen und schädigen.
 
Warum gibt es Ballungszentren der Massentierhaltung und wer erlaubt sie?
  Massentierhaltung hat sich in West-Niedersachsen, im Nord-Münsterland und holländischen Gelderland in Regionen konzentriert, in denen weniger fruchtbare Böden vorherrschen. Wer nicht in der Marsch oder auf Löß- und Lehmböden wohnte, konnte sich damit ein gutes Einkommen erwirtschaften. In den fünfziger Jahren war das ein guter Weg. Heute ist des Guten viel zu viel getan worden, da es kein Ende genommen hat und auch Hochmoore, Bach- und Flussniederungen und neuerdings auch einige Erholungsgebiete an der Küste mit Ställen, Mais und Gülle zu tun haben. Diese Bewirtschaftung ist völlig unökologisch und wirtschaftlich hochriskant - wie sich jetzt vielerorts sehr deutlich zeigt. In der EU, speziell in Deutschland, gehen viele davon aus, dass alles erlaubt ist, was nicht verboten ist. Ein fataler Irrtum.
 
Welche Folgen hat denn Massentierhaltung für die Umwelt und für den Menschen?
  Die Mais-Güllewirtschaft nimmt auf die Interessen der Erholungssuchenden, auf die Gesundheit der Bevölkerung, die Qualität des Trinkwassers oder den Naturschutz keinerlei Rücksicht - höchstens dann, wenn im Einzelfall nachgewiesen werden kann, welcher Betrieb die Schäden verursacht hat. Das ist leider überwiegend gar nicht möglich. Hier hätte schon lange das Verursacherprinzip eingeführt werden müssen. Die Folgen sind in der gesamten Landschaft zu sehen: blumenreiche Wegränder sind oftmals mitsamt den Wegen verschwunden, Saumbiotope entlang der Gräben sind bis an die Böschungskante umgepflügt, Wald wird mit amtlicher Genehmigung nicht wieder aufgeforstet. Diese Landwirte brauchen jeden m² Landes. Finanzminister Eichel hat sein Milliardenloch auch damit begründet, dass die Bekämpfung von Tierseuchen so teuer ist. Ein Seuchenzug -wie 1994- kann manchmal bis zu einer halbe Milliarde DM öffentlicher Mittel verschlingen. Tierärzte warnen schon seit Jahren davor: je dichter Tiere beieinander stehen, umso größer ist die Gefahr, dass Krankheiten und Seuchen ausbrechen, umso mehr Antibiotika(analoga) und andere Medikamente werden den Tieren vorbeugend verabreicht. Bei Legehennen kommen Parasiten wie Federmilben und Darmwürmer hinzu.
 
Also ist letzten Endes der Mensch der Leidtragende
  Allerdings! Sieht man einmal von den wenigen Profiteuren ab, so leidet die große Mehrheit der Bevölkerung unter der Verschmutzung von Luft, Wasser und Boden. Allein in den Landkreisen Vechta, Cloppenburg, Emsland und Umgebung leben mehr als 30 Millionen Hähnchen und Puten. Die aus den Ställen ohne Filter herausgeblasenen 136 Gase müssen ebenso eingeatmet werden wie Pilzsporen. Das fördert zumindest lokal die Erkrankungen der Atemwege einschließlich Allergien und Asthma. Mit zu vielen Salmonellen (einer der häufigsten Todesursachen), aber auch mit Tierherpes-Viren kommen wir immer öfter in Kontakt. Die über die holländische Grenze in Nordrhein-Westfalen eingezogene Geflügelpest ist nur schwer einzugrenzen, die damit verbundenen finanziellen Verluste muss größtenteils der Steuerzahler tragen. An Erholung ist in manchen Gegenden wegen kahler Landschaft und penetranter Gerüche nicht zu denken, spätestens, wenn die Felder geerntet sind - eine gravierende Einbuße von Lebensqualität. Die Infrastrukturentwicklung mancher Ortschaften ist schon zum Erliegen gekommen, weil Ställe wie neue Stadtmauern jede Erweiterung von Siedlungsflächen wegen der einzuhaltenden Abstände verhindern.
 
Meinen Sie, dass sich der Mensch überhaupt anmaßen darf, Tiere für sich leiden zu lassen?
  Die Entwicklung der Menschheit auf den heutigen Stand wäre ohne Haustiere, die stets zu Diensten standen, undenkbar. Schon aus Dankbarkeit für die außerordentlich vielen wertvollen Aufgaben, die Haustiere zugunsten des Wohlergehens der Menschen wahrnehmen, hätte es zum Beispiel Batterietiere gar nicht geben dürfen. Während der BSE-Diskussion wurde von Rindern als "Rohstofflager" des Menschen berichtet - hier wurde erst klar, wo überall Produkte der Haustiere verwendet werden, ob im Eierlikör, bei Gummibärchen oder Medikamenten. Wenn sich allerdings das Leben von Masttieren auf weniger als 1 Jahr auf wenige Monate verkürzt, fällt die Quälerei kaum auf, die den Tieren zur Leistungssteigerung aufgezwungen wird. Und das ist unmoralisch. Tiere wären untereinander dazu nicht in der Lage. Schon die unerbittlich Ausrottungen von Tausenden von Arten durch den Menschen - ob Schildkröten, Wandertauben oder Seekühe -, ja selbst das Untergehen alter Haustierrassen, lassen am Ergebnis der Evolution zweifeln.
 
Ich danke Ihnen für das informative Gespräch.
 
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