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Falsche Zahlen führen zu unergiebiger Kormoran-Diskussion

Wardenburg / Hannover (01. 07. 2003). Die Auseinandersetzungen für und gegen Rabenvögel haben schon früher gezeigt, dass eine öffentliche Diskussion um das grundsätzliche landschaftsökologische Verständnis und den Schutz auch umstrittener Arten keine Änderung in der Einstellung zum Beispiel zu  Elster und Rabenkrähe erbracht hat (vgl. BSH-Merkblatt 47/1999). Im Gegenteil: fundamental argumentierende Vertreter des Naturschutzes haben das Unverständnis oder den Widerstand bei großen Teilen der Bevölkerung nur vergrößert, je mehr Erklärungen sie öffentlich abgaben. Das gilt auch für die Initiativen gegen die Vertiefung der Ems, gegen Veränderungen im Bereich der Hochseedeiche oder gegen Windkraftanlagen.  Der harten Gangart geben diese "Anhänger der reinen Lehre" den Vorzug gegenüber der zumeist mühsamen Suche nach gemeinsamen Wegen, womit man heute in der Regel aber mehr erreicht.

Das ist angesichts der Vorgaben der Europäischen Union (z.B. im Leader-Programm), möglichst breite Resonanz in der Bevölkerung zu suchen, nicht nachzuvollziehen. Wenn sich das seit 2001 beim Reizthema "Kormoran" wiederholt, so scheinen bestimmte Vertreter des Naturschutzes wie zum Beispiel Andreas Bieg vom Landesverband Bürgerinitativen Umweltschutz (LBU)  in Hannover oder Manfred Knake (Esens, Wattenrat)  daraus nichts gelernt zu haben.  Wie sich ein historisches Teichgebiet  mit hohem gewässerökologischen Wert vor der Schließung retten lässt, wissen beide zwar  nicht, aber gegen die mehrjährigen Überlegungen eines begehbaren Ausweges, die eine – schon immer mögliche begrenzte Bejagung des Kormorans – einschließt, sprechen sie sich auf jeden Fall mit größtmöglichem Presseaufwand aus. Weiter gekommen sind sie mit dieser Position nicht, aber das Thema hat den LBU in die Schlagzeilen gebracht und auch M. Knake ist seinem Ruf treu geblieben, gleichgültig wieviel Porzellan dieses Mal zerschlagen worden ist. Erreicht wurde mit dieser Auseinandersetzung fast schon unausweichlich die Entscheidung durch den Gesetzgeber. Und das geschieht nun: das Umweltministerium in Hannover wird eine Kormoran-Verordnung herausgeben, die Einzelheiten regelt. Einzelheiten zur Vorgeschichte sind im Kormoran-Merkblatt der BSH (Nr. 65 / 2001) nachzulesen. (www.bsh-natur.de/kormoran.htm)

Unerfreulich war es bisher festzustellen, zu welcher Intoleranz bestimmte Vertreter des niedersächsischen Naturschutzes fähig waren und wie andere Meinungen plötzlich einem ablehnenden Meinungsmonopol bei Kollegialverbänden und Behördenangehörigen gegenüber standen. Wurde bisher häufig beklagt, dass der Naturschutz Opfer von Nutzer-Interessen sei, so wurden bei diesem Thema merklich neue Register innerhalb des Naturschutzes gezogen. Kritisch und unkollegial wird es aber, wenn wesentliche Aspekte nicht zitiert werden (so verschweigt Manfred Knake beharrlich die einschränkenden BSH-Feststellungen, dass Windkraftanlagen nur am richtigen Standort, in Übereinstimmung mit der Landschaftsrahmenplanung und unter Beteiligung der Bevölkerung gebaut werden sollten und dass der Vergrämungsabschuss die Mehrheit der hierzulande angetroffenen Kormorane gar nicht betrifft) oder es werden falsche Zahlen (absichtlich oder nicht) präsentiert. Möglichkeiten zur Information vor Ort bestanden vielfältige, der eingeladene LBU erschien aber nicht.

So enthält der Bericht des LBU im Internet vom 15. Mai 2003 mehrere Fehler und falsche Behauptungen, die hier richtig gestellt werden:

·        Das Naturschutzgebiet Ahlhorner Fischteiche umfasst nicht 1575 ha, sondern lt. NSG-VO v. 22. 11. 1993 nur 485 ha, ist also nicht einmal 1/3 so groß.

·        Der Status "EU-Vogelschutzgebiet" wurde aufgehoben, darauf nimmt A. Bieg jedoch immer noch Bezug ("faktische" Vogelschutzgebiete sind beliebig auswählbar und rechtlich bedeutungslos).

·        Eine "grobe Schätzung" der fischereilichen Schäden hat es niemals gegeben, sondern bestmögliche Verlustberechnungen auf der Grundlage der eingesetzten Fische.

·          Dem LBU ist angesichts der sich auf einen älteren Erlass (3.08.01) berufenden Zahlen die aktuelle Situation nicht bekannt (oder er hat sie bewusst verschwiegen), aber  der damalige Erlass sah unter bestimmten Voraussetzungen eine Freigabe bereits ab dem 15. Juni vor.

·          Das Staatliche Forstamt Großenkneten-Ahlhorn und die zugehörige Teichwirtschaft haben sich stets und ohne Ausnahme im Rahmen des Kormoran-Erlasses verhalten und den zum Abschuss freigegebenen Zahlen und Auflagen entsprochen. Das war und ist rechtlich einwandfrei.

·          Der Widerspruch und die Auseinandersetzung gegen die Bezirksregierung Weser-Ems (Dezernat 503) vor Gericht hätte sich der LBU sparen können, denn es kam in Oldenburg  zu einem Vergleich; danach dürfen Vergrämungsabschüsse weiter erfolgen, außerdem soll geprüft werden, ob Schreckschussgeräte einen gleichen oder ähnlichen Effekt erzielen (was die BSH bezweifelt). 

·        Es ist keinesfalls "allgemein un-umstritten", dass der Abschuss nicht zum Erfolg führt. Der Abschuss war eine wesentliche Ursache für den Rückgang und die hundertjährige Abwesenheit dieser Art; bringt z.B. für die Ahlhorner Fischteiche eine kurzfristige Entlastung zugunsten wichtiger Aufzucht- und Wachstumsziele sowie eines weniger katastrophalen Betriebsergebnisses. Andernfalls würde das wichtige Kulturdenkmal und Naturschutzgebiet geschlossen und gewässerökologisch entwertet. Auch die Tatsache der parlamentarisch beschlossenen Verordnung belegt, dass die jahrelange Streiterei politisches Handeln nötig machte.

·          Es ist von Interesse zu erfahren, wer die "Fachleute" sind, auf die sich A. Bieg beruft.  In Ahlhorn ist der LBU-Mann vor Ort, Heribert Overberg, der einzige uns bekannte Informant. Er steht leider öfter in Widerspruch zum BSH-Fachmann Hubert Fenske (Ahlhorn), dessen Buch zur Sache nähere Auskunft gibt (H.Fenske [1999]: Ahlhorner Fischteiche, Isensee-Verlag Oldenburg, ISBN 3-89598-650-X, 72 S.). Dass dieses Thema immer wieder in der Öffentlichkeit – wie die BSH meint -  völlig unnötig und missverständlich  dargelegt wurde, ist auch auf H. Overberg zurückzuführen.

·          Der LBU möchte offenbar keine genauen Daten darüber, was die Graureiher an den Ahlhorner Fischteichen als Nahrungskonkurrenten zu Kormoranen tatsächlich fressen und ob sie verstärkt auf Lurch-Kost ausweichen. Dazu müssen einige Tiere gefangen oder geschossen werden, ein in der feldbiologischen Forschung nicht unübliches Verfahren.

·          Die Erkenntnis von A. Bieg, dass ein Hochschulbiologe wie Remmer Akkermann auch zugleich andere Ämter bekleidet, zum Beispiel das des BSH-Vorsitzenden,  der eine aktuelle drängende Frage von einem Doktoranden bearbeiten lässt, ist so pikant nicht, sondern ganz ähnlich bei sonstigen Hochschulprofessoren anzutreffen. Vielleicht sollte der LBU konsequenterweise auch diese anderen kritisieren, die  im niedersächsischen Naturschutz ebenfalls in zentralen Doppelfunktionen mitarbeiten.  Solange sie keine abweichenden Meinungen vertreten, wird darüber wohl seitens des LBU hinweggesehen und mit zweierlei Maß gemessen.

Die Aktivitäten des LBU im Zusammenhang mit der Kormoran-Problematik haben gezeigt, dass hier im Sinne des Vogel- und Naturschutzes kontraproduktiv gearbeitet wurde und wird, dass die Verfechter des flächenhaften Kormoran-Abschusses in großer Zahl auf den Plan gerufen wurden (was auch seinen landespolitischen Niederschlag gefunden hat), dass die Solidarität der Naturschutzverbände unnötig strapaziert wurde und dass sich eine Streitkultur offenbarte,  die nur die Polarisierung gefördert hat, statt zur Problemlösung vor Ort beizutragen und Gemeinsames voranzubringen. Naturschutzverbände haben hierzulande ungleich bedeutsameren Themen nachzugehen, als eine obere Naturschutzbehörde kostenaufwendig anzuzeigen, Forstleute und Teichwirte öffentlich zu kritisieren und viele Personen zu nötigen, öffentliche Erklärungen dieses Kollegialverbandes zu korrigieren und manchen am Naturschutz zweifelnden Menschen wieder zurück zu holen.

Kontaktadresse:    BSH-Vorstand durch Gerhard Grönke